Christoph Columbus hat durch seine Entdeckung das Weltbild und die ökonomischen
Lebensbedingungen der alten und der neuen Welt verändert, aber
die Wikinger waren vor ihm in Amerika. Der Isländer Bjarne
Herlofsson war der erste Europäer, der den neuen Kontinent zu
Gesicht bekam. Seinen Namen, und wie es den Wikingern in Amerika
erging, überliefern die isländischen Sagas.

Herlofsson wurde Ausgangs des ersten
Jahrtausends auf dem Weg von Island nach Grönland von einem
Sturm überrascht und an eine noch unbekannte Küste verschlagen.
Ohne an Land zu gehen, kehrte er nach Grönland zuück. Auf Gund
seines Berichts ging Leif Eriksson mit 35 Mann an Bord westwärts
auf Entdeckungsreise und landete um die Jahrtausendwende, mehr
oder weniger genau 500 Jahre vor Columbus, in der Neuen Welt.
Die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger, als deren Motiv
Oswald Spengler in seinem Buch "Untergang des
Abendlandes" die "dunkle Sehnsucht nach dem
Grenzlosen" bezeichnete, war weder sensationell noch
überraschend. Die Nordmänner waren über die Faröer Inseln und
Island bis nach Grönland vorgedrungen, das 984 von Erik dem
Roten besiedelt worden war und geografisch schon zu Amerika
gehört. Von dort war es für die see-erfahrenen Wikinger nur
noch ein "Katzensprung" bis Amerika: Zwischen Grönland
und der Baffin-Insel in der kanadischen Arktis liegen 200
Seemeilen offenes Wasser, weniger als von den Faröern bis nach
Island.
Die Expedition unter Leif Eriksson drang über die Baffin-Insel
nach Süden bis Neufundland vor, in den isländischen Sagas
"Vinland" genannt, wo die Nordmänner überwinterten.
Davon berichtet bereits Ende des 11. Jahrhunderts Adam von Bremen
in seiner "Hamburgischen Kirchengeschichte". Nach der
Rückkehr Leif Erikssons wurde ein zweite Expedition
ausgerüstet, die zwei oder drei Jahre im "Vinland"
verbrachte. Hier kam es zur ersten europäisch-amerikanischen
Begegnung, einem unheilverkündenden Vorspiel auf die noch ferne
Kolonisierung: Die Wikinger erschlugen kurzerhand acht
Eingeborene, die sie in der Nähe des Lagers entdeckt hatten.
Danach unternahmen die Wikinger zwei Versuche, sich in Vinland
niederzulassen. Die Siedlungen wurden aber bald wieder
aufgegeben, teils wegen des Drucks der Eingeborenen, teils wegen
der eigenen Unzulänglichkeiten. Bis in die Mitte des 14.
Jahrhunderts haben die Wikinger aber Neufundland regelmäßig
aufgesucht, um die grönländische Kolonie mit Holz zu versorgen.
Spuren haben sie kaum hinterlassen.
| Sie reichten aber aus für den Beweis, daß die Wikinger
wirklich in Neufundland waren. Anfang der 60er Jahre
gruben die Norweger Anne und Helge Ingstad in L'Anse aux
Meadows im Norden Neufundlands Reste einer etwa 1000
Jahre alten Siedlung nordischen Ursprungs aus. Die
gefundenen Gebäudereste, eine unscheinbare Knochennadel
und eine Spinnwirtel, beide ohne Zweifel skandinavischer
Herkunft, belegten: Die Wikinger kamen zurerst.
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Rekonstruktion der Wikingersiedlung von L'Anse aux
Meadows (Neufundland) |